Etappe 4: Niedervintl - Neustift - Franzensfeste
Den Beweis dafür, dass eine Jakobskirche nicht automatisch auf einen Pilgerweg hinweist, finden wir, wenn wir, Höhenmeter nicht fürchtend, den Abstecher von Niedervintl hinauf zur Jakobskirche von Meransen machen. Auch dort begrüßt uns schon von weitem von der Außenwand der Kirche, obwohl sie Jakobus geweiht ist, der zweite große Patron der Reisenden, der hl. Christopherus, der, wie in Nasen, im Meer stehend und von Fabelwesen umgeben ist. (Es heißt, dass, wer an dem Tag stirbt, an dem er den hl. Christopherus erblickt hat, von diesem durch das Fegefeuer hindurch schnurstracks in den Himmel geleitet wird. Das erklärt die übergroßen Bilder des Christopherus an den Außenwänden der Kirchen, dem in der Früh auf dem Weg zur Arbeit auf dem Feld immer der erste Blick gilt.)
Unser Weg im Tal – wir müssen ihn mit den Radfahrern teilen – führt uns zur Mühlbacher Klause, die 1472 unter Herzog Sigmund von Tirol zur Festung ausgebaut wurde und, vergleichbar mit der Lienzer Klause und dem Schloss Bruneck, die Funktion einer Straßensperre innehatte. Zum letzten Mal war sie im Tiroler Befreiungskampf von 1809 Schauplatz einer blutigen Schlacht, heute dient das restaurierte Gemäuer als Kultur- und Begegnungsstätte der friedlichen Art.
Die gotische Pfarrkirche zur hl. Helena in Mühlbach – ein sehr seltenes Patronat – mit ihren schönen Fresken außen und innen bildet zusammen mit der spätgotischen Friedhofskapelle St. Florian ein einzigartiges Ensemble, dessen Ausstrahlung man sich nur schwer entziehen kann.
Wer dem Brenner auf dem direkten Weg zustrebt, Neustift und Brixen also nicht besucht, bleibt ab der Station V auf dem Kreuzweg, der knapp vor Aicha bei der Wallfahrtskapelle im Föhrenwald endet. Die „Stöcklvaterkapelle“ 4 (18. Jh.), eine lokale Wallfahrt, vor allem an den Fastensonntagen besucht, lässt uns noch einmal innehalten. Über Aicha (spätgotische Kirche St. Nikolaus) gelangen wir zum neuen Weg am Stausee von Franzensfeste und auf diesem in den Ort, seit dem Ende des 19. Jh. ein wichtiger Eisenbahnknotenpunkt.
Wer Neustift und Brixen besuchen will – und viele gute Gründe sprechen dafür – hält sich bei der Station V links bergab und kommt, die Pustertaler Staatstraße auf einer Brücke überquerend, nach Schabs. Über den Wanderweg 8, dann auf der kleinen Straße geradeaus weiter und ab dem Gasthof Straßer über den Wanderweg 4 nach rechts hinunter, erreichen wir schließlich Neustift in wenig mehr als einer Stunde. Das sich heute im gotischen (der berühmte Kreuzgang) bzw. barocken (die Stiftskirche) Baustil präsentierende Kloster Neustift wurde 1142 vom selig gesprochenen Bischof Hartmann gegründet und im 16. Jh. aus Furcht vor den Türken in eine Wehranlage umgebaut. Früh- und spätgotische Fresken können wir sowohl im Kreuzgang – in dem übrigens der Tiroler Minnesänger Oswald von Wolkenstein begraben liegt – als auch in der romanischen Victorskapelle bewundern, während der außerhalb der Klostermauern errichtete Rundbau der romanischen Michaelskapelle, auch „Engelsburg“ genannt, uns heute noch Rätsel aufgibt. Die Form der römischen Engelsburg und auch die Tatsache, dass sie außerhalb steht, legen aber die Vermutung nahe, dass sie als Unterkunft für Pilger errichtet wurde.
Da wir schon einmal in Neustift sind, drängt sich der Besuch der mittelalterlichen Bischofsstadt Brixen und ihres einzigartigen Dombezirks nur eine halbe Gehstunde weiter südlich, geradezu auf. Dieser vereint im Dombau, dessen Kreuzgang, der Johanneskirche, der bischöflichen Hofburg und dem alten Friedhof alle Baustile von der Romanik bis zum Spätbarock zu einem phantastischen, absolut sehenswerten Gesamtkunstwerk.
Aber zurück zum Weg: Wir überqueren nach dem Kloster über die alte Brücke den Eisack, wenden uns nach rechts und erreichen auf dem Weg 1, die Staatsstraße über- und die Autobahn unterquerend, den Vahrner See. Diesen, am östlichen Ufer umgehend, kommen wir zur parallel zur Autobahn verlaufenden Radroute und auf ihr nach Franzensfeste. Der Ort verdankt seinen Namen der riesigen Festung, welche Kaiser Franz I. von Österreich von 1833 bis 1839 errichten ließ, die aber nie für kriegerische Zwecke zum Einsatz kam.
Gehzeiten:
Niedervintl > Mühlbach: 1 ½ Std.
Mühlbach > Neustift: 1 ¾ Std.
Neustift > Franzensfeste: 1 ¾ Std.
Weglänge:
16,7 km
Höhenunterschied:
Aufstieg: 478 m
Abstieg: 497 m